Bayerische Kultserien:
Was ist schwieriger Herr Gernstl, einen Film zu machen oder ein Buch zu
schreiben?
Franz X.
Gernstl:
Ich würde sagen eindeutig ein Buch schreiben. Wenn man jetzt
ein Buch mit 270 Seiten mit einem 45 Minuten Film vergleicht, dann ist es so,
dass ich mit meinen Talenten, an einem Buch mindestens 3 - 4 Monate
hinschreibe. Einen Film hat man dann doch in zwei Wochen gedreht und in drei
Wochen geschnitten. Tatsächlich habe ich an dem Buch aber jahrelang
hingeschrieben, weil ich schon sehr früh angefangen habe zu sammeln. Womit ich
aber überhaupt nicht gerechnet habe, war der Rattenschwanz, der bei der
Veröffentlichung eines Buches dranhängt. Bei einem Film sind es halt die GEMA-
und Schnittlisten und der Pressetext. Beim Buch hängen sehr viele
Persönlichkeitsrechte dran. Vor allem weil auch einige Fotos mit enthalten
sind. Ein Kapitel handelt zum Beispiel von einer meiner ersten Tätigkeiten in
diesem Geschäft, bei dem ich in Braunschweig für „Paul Breitners
Fußballmagazin“ beteiligt war. Ich habe geschrieben, dass die Hausbar von Paul
Breitner eine „krude Konstruktion“ war.
(lacht)
Das war nämlich eine Ziegelwand, bei der die Steine rausgestanden sind,
auf denen
Jägermeister-Flaschen standen, weil das der damalige Sponsor von
Eintracht
Braunschweig war. Die Formulierung „Paul Breitner hat eine krude Hausbar“ hat
sofort die Juristen auf den Plan gerufen.
(lacht)
Das könnte man nicht schreiben, weil das gegen das Persönlichkeitsrecht gehen
würde. Ich habe ihn daraufhin anrufen müssen und er meinte nur „Ja und? Die
Bar war ja auch so. Die sollen sich mal entspannen.“ So muss man dann jeden
kontaktieren und auch wenn es für alle immer in Ordnung war, ist das ganz
schön viel Arbeit. Bildrechte und Persönlichkeitsrechte klären, oder wenn der
Lektor dann versucht aus einer „Bedienung“ eine „Servicekraft“ zu machen. Wo
ich meinte „Nein, das heißt bei uns bitte Bedienung und nicht Servicekraft“.
(lacht)
Es braucht viel Klärung und Diskussion ein Buch zu machen und ist deshalb
schwieriger, als einen Film zu produzieren.
B K:
Sind Sie aber vielleicht jetzt, wo Sie da Erfahrungen sammeln konnten, auf den
Geschmack gekommen?
FXG:
(überlegt)
Man kann das vielleicht mit dem Erlebnis vergleichen, als man seinen ersten
Film gemacht hat und diesen mit der Freundin auf dem Sofa anschaut, wenn er
gesendet wird. Das erste Mal sein gedrucktes Buch in der Hand zu haben, ist
wahrscheinlich ein ähnliches, tolles Gefühl. Dafür macht man so etwas. Also
warum nicht.
B K:
Sowohl bei Ihren Filmen, als auch beim Buchtitel, kommt das Wort „Glück“ vor.
Sie haben mal gesagt, Sie haben nie danach gesucht.
FXG:
Der
Verlag hat mich mal gefragt, wie ich mein Leben beschreiben würde. Bei solchen
Fragen bekomme ich meistens immer gleich einen Blackout, weil mir da nichts
einfällt. Nach kurzem Überlegen fiel mir dann doch „Glück gehabt“ ein, weil
ich einfach immer Glück gehabt habe. Mir ist nie wirklich etwas Schlimmes
passiert. Bis auf ein paar körperliche Verletzungen, bei denen immer alles
geheilt ist, war auch immer mit der Firma alles in Ordnung. Und natürlich ist
es ein Glücksfall, wenn man so einen Job hat, wie wir ihn uns zurechtgebastelt
haben. 42 Jahre mit zwei Freunden durch die Gegend gurken, hier mal mit
jemanden reden, dort mal ein Bier trinken.
(lacht)
Hört sich nicht so an, war aber trotzdem immer einiges an Arbeit. Aber
insgesamt auch ein vergnüglicher Job.

Bild: Megaherz
B K:
Warum meinen die Menschen überhaupt immer nach einem Glück suchen zu müssen?
FXG:
Mei,
Glück ist halt ein sehr wohliger Zustand. Da ist man mit sich selbst und der
Welt im Reinen. Bei uns hat sich das Glück eigentlich erst eingeschlichen,
nachdem wir 20 Jahre lang gedreht hatten. Wir haben zu dem Zeitpunkt schon mal
einen Kinofilm gemacht, bei dem wir uns die besten Geschichten bis dahin
rausgesucht haben. Bei der Zusammenstellung merkten wir, dass wir da eine
Menge glücklicher Leute getroffen haben. Erst dann haben wir dem Film den
Titel „Gernstls Reisen: Auf der Suche nach dem Glück“ gegeben. Weil wir es
zwar nicht gesucht, aber gefunden hatten. Und gefunden hatten wir viele Leute,
die etwas mit Herzblut, Leidenschaft und einfach gerne machen. Das waren die,
die gar nicht über das Glück nachgedacht, aber zufrieden mit ihrem Leben
waren. Ob das ein Müllfahrer, ein Künstler oder ein Metzger war, der gerne
seine Wurst macht. Wenn man im Leben eine Aufgabe gefunden hat, die man mit
Freude erledigt, dann ist man zufrieden.
B K:
Ist die Übersetzung für „Glück“ dann eigentlich „Zufriedenheit“?
FXG:
Je nach
dem, wie man das sieht. Lottospieler hoffen natürlich auch ein „Zufallsglück“.
Ich würde sagen: Glück ist die Abwesenheit von Unglück. Ich erinnere mit an
einen alten Krippenschnitzer in Tirol, der mir erzählt hat, sein Traumtod wäre
es, bei einer Wirtshaus-Schlägerei zu sterben.
(lacht)
Er meinte aber: „Nicht Glück macht zufrieden, sondern Zufriedenheit macht
glücklich“. Die Leute, die sich mit den Widrigkeiten des Lebens angefreundet
hatten, die waren glücklich. Das waren nicht die reichsten, oder die mit den
idealen Lebensumständen.
B K:
Ein Kapitel in Ihrem Buch heißt „Zu bequem für das große Geld“. Sie waren wohl
auch sehr zufrieden mit dem, was Sie hatten.
FXG:
Ja. Meine Firma wollten zwischenzeitlich auch etliche Firmen
kaufen, aber da haben wir immer dankend abgelehnt. Ich glaube wir, bzw. jetzt
meine Söhne, sind einer der letzten eigenständigen Filmproduktionen, bei der
kein Sender und auch keine andere Firma mitredet. Da waren wir tatsächlich zu
bequem uns in die Obhut eines großen Konzerns zu begeben oder uns einkaufen zu
lassen. Da hätten wir immer einen im Nacken gehabt, der uns gesagt hätte, wie
wir es machen sollen.
(überlegt)
Erst gestern habe ich mit ein paar Leuten geredet, die meinten ich wäre immer
so „authentisch“.
(lacht)
Wahrscheinlich auch, weil ich immer zu bequem war irgendwas darzustellen. Weil
es mir zu blöd war, irgendwo hinzugehen und einen „Fernsehfritzen“ aus mir zu
machen.
(lacht)
Aus Bequemlichkeit authentisch und aus Bequemlichkeit nicht ganz so reich, wie
man vielleicht sein könnte. Aber ich habe genug, dass ich mir jeden Tag eine
Flasche Rotwein kaufen kann. Mehr braucht man ja nicht.
(lacht)
B K:
Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht die Möglichkeit gehabt hätten zu
drehen?
FXG:
Wenn man das
wüsste. Ich kann es nicht sagen. Ich habe mal in jungen Jahren Bankkaufmann
bei der Bayerischen Staatsbank gelernt. Die waren so zufrieden mit mir, dass
sie mir die Filiale am Samerberg in Aussicht gestellt haben. Da habe ich dann
kalte Füße bekommen.
(lacht)
Wahrscheinlich wäre ich sonst Bänker oder Börsenmakler geworden. Ich hätte
mich wohl damit auch anfreunden können, aber ich finde das Leben so wie es
jetzt ist sehr viel abwechslungsreicher.

Bild: BR
B K:
Was ist Ihr Geheimnis? Warum öffnen sich Ihnen die Leute so?
FXG:
(überlegt)
Ich habe keine Technik oder so etwas. Eine Redakteurin meinte einmal ich hätte
das Talent die Leute zu „spiegeln“. Mir ist das schon aufgefallen. Wenn ich
mit einem Stotterer drehe, dann fange ich plötzlich selbst an damit.
(lacht)
Oder ich nehme dieselbe Sitzhaltung von jemanden an. Ich beobachte mich da im
Nachhinein manchmal, aber in dem Moment merke ich das nicht. Ansonsten stelle
ich halt keine komplizierten Fragen. Das wäre ein Fehler. Wenn man
intelligente Fragen stellt, macht das dein Gegenüber immer etwas nervös, weil
dann die Angst entsteht irgendwas Falsches zu sagen. Ich lasse eigentlich den
Leuten, mit denen ich rede, immer die Luft ihre Geschichten zu erzählen und
baue ihnen da eine Bühne. Wenn sie dann ein bisschen vom Thema abkommen, dann
schubst man sie wieder leicht drauf. Und ich mag die Leute beim Drehen immer
wahnsinnig gern.
(lacht)
Da habe ich keinerlei journalistische Distanz. Die sind dann meine besten
Freunde. Da lege ich mich manchmal selbst rein, wenn ich beispielsweise auf
einen klassischen Dampfplauderer reinfalle, der mir irgendwelche
Kalendersprüche präsentiert und ich denke „Toll, was der von sich gibt“.
(lacht)
Das merkt man erst, wenn man es am Abend im Hotel anschaut oder später im
Schneideraum.
B K:
Gab es schon mal den Moment, bei denen Sie gemerkt haben, dass Sie Ihr
Gegenüber überhaupt nicht ausstehen können?
FXG:
Nicht so selten.
(lacht)
Das gab es also „mal“. Aber da überwiegt dann das Interesse,
von einem Kotzbrocken zu hören, wer denn der Mensch hinter der Fassade ist.
Also der Versuch in seine Seele reinzuriechen. Oft ist jemand auf den ersten
Blick ein unangenehmer, schroffer Typ, bis man merkt das ist eine Show, die er
da abzieht. So etwas zu knacken, das ist eine sportliche Herausforderung und
geht nur, wenn du so jemanden gnadenlos freundlich gesonnen bist.
B K:
Im
Buch wird auch die enge Freundschaft des Teams, bestehend aus Ihnen,
Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravasz beschrieben. Wäre das
Ganze so lange mit einer anderen Konstellation möglich gewesen?
FXG:
Mit einem
ständig anderen zugeordneten Team hätte die Chemie bestimmt nicht so gut
gepasst. Das war der Grund, warum ich mich selbstständig gemacht habe. Die
gleiche Geisteshaltung und die Tatsache, dass ich dem Kameramann nichts mehr
sagen muss, weil er genau weiß, wann was im Gange ist oder passiert, sind
schon sehr wichtig. Wir haben uns ja auch schon vorher sehr gut gekannt. Unser
Entschluss, irgendwann mal zu sagen „Wir machen jetzt Filme“, ist eine andere
Arbeit, als wenn es eine professionell entstandene Zusammenkunft gewesen wäre.
B K:
Gibt es bestimmte Leute, die Sie bei Ihren Reisen erlebt haben, die sich Ihnen
am meisten eingeprägt haben?
FXG:
Klar. Ganz vorne
dran ist die Geschichte, die auch im Film gezeigt wird, mit dem
Sannyasin-Jungen Govinda. Den haben wir damals (1983) auf Schloss Wolfsbrunnen
getroffen, wo die Gruppe Sannyasin, Schüler des indischen Gurus Baghwan, ihre
Zentrale hatten. Der war dort im Kindergarten und hatte keine roten, sondern
blaue Klamotten an. Er ist dann einfach drei Tage lang mit uns mitgefahren,
weil er auch Reporter sein wollte. Heutzutage wäre so etwas nicht mehr
möglich, aber er hatte sich auch überhaupt nicht abwimmeln lassen und die
Mutter war letztendlich auch einverstanden. Weihnachten haben wir ihn dann
wieder abgeliefert, wo er uns dann sehr beleidigt war, weil wir in den Tagen
seine Ersatzväter geworden sind. 30 Jahre später haben wir ihn noch mal
besucht und ihn als traurigen Menschen erlebt. Das hätte man bei ihm so nicht
erwartet. Der ist natürlich gut in Erinnerung geblieben.
(überlegt)
Dann gab es zum Beispiel noch die längste Einstellung, die wir je hatten. Da
waren wir beim Bäcker Betz in Landshut, der uns um 4 Uhr morgens über das
Wesen der Breze aufgeklärt hat und dass man eben nicht sagen könnte, bei einem
Bäcker wäre die Breze gut und beim anderen schlecht. Darüber hat er
dreieinhalb Minuten schwadroniert, die wir dann auch am Stück so gelassen
haben. Und dann gibt’s einfach so ein paar markante „Philosophen“, die ich
auch im Buch beschrieben habe. Wie beispielsweise den Drehorgelbauer, der vor
seinem Haus eine Kachel eingelassen hatte, auf der stand „Das Ziel ist im
Weg“, weil er meinte man soll nicht so zielstrebig durchs Leben gehen, man
verpasse sonst die Möglichkeiten links und rechts von sich. Der hat uns sehr
imponiert mit seiner planlosen Lebensgeschichte. Der war gut drauf und gerade
dabei ein Perpetuum Mobile zu erfinden -
(lacht)
später hat es sich als nicht funktionierend herausgestellt. Noch nicht so
lange her ist unsere Begegnung mit einem Bonsai-Züchter aus Kärnten. Der hat
wunderschöne Sätze gesagt. „Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Zufällen
und die Summe dieser Zufälle ist das, was gerade passiert“. Auf die Frage, was
er für einen Sinn im Leben sieht, meinte er „Nix. Einfach tun.“.
(lacht)
B K:
Machen solche Begegnungen etwas mit Ihnen?
FXG:
Wenn man immer
wieder so Weisheiten aufschnappt, verändert das wahrscheinlich schon etwas in
dir. Ein paar sind auch wirklich markant gewesen und die behalte ich immer in
Erinnerung.
|
B K:
Würde diese Art des Filmemachens, irgendwo
unangemeldet aufkreuzen, sich irgendwo einstreuen, schauen was sich
ergibt, würde das so heute noch funktionieren?
FXG:
Das war 1983, als wir angefangen haben, schon ungewöhnlich. Ein paar Jahre
später ist das System mit dem Aufkommen der privaten Sender dann etwas
„verlottert“ sage ich mal. Da gab es dann „Reality TV“, bei denen die
Leute auf eine gewisse Art eher überfallen wurden. Das haben wir zwar auch
gemacht, aber dann doch eher elegant. Wenn wir irgendwo unangemeldet
aufgetaucht sind, dann eigentlich nur, damit die Leute sich nicht auf ein
Gespräch vorbereiten konnten. Zu Beginn habe ich das mal so gemacht, also
zuerst recherchiert und angefragt, aber wenn man dann später hingekommen
ist, war alles ganz anders, weil sich der- oder diejenige besonders
rausputzen wollte. Das war auch der Grund, warum ich auf die Frage, was
ich gerne mal machen würde, vorgeschlagen habe „Ich würde gern einfach
drehen was uns unterkommt“.
B K:
Das hat ja lange sehr gut funktioniert.
FXG:
Das funktioniert ja auch immer noch. (überlegt) Früher sind wir
halt ganz unvorbereitet losgefahren und das ging mit der Zeit einfach
nicht mehr so gut, weil die schrägen Typen weniger werden. Da baut sich
niemand mehr ein nachgemachtes Schloss Neuschwanstein in den Vorgarten,
oder seine große Eisenbahnanlage oder ein Windrad. Heute hängen alle am
iPad
rum.
|

Bild: Megaherz |
B K:
Das klingt auch im Buch an, dass mit der Erfindung des Internets die
Abenteuerlust der Leute etwas verloren gegangen ist.
FXG:
Ja, die hat sich
ins Virtuelle
verlegt. Es ist schwierig so etwas pauschal zu behaupten, aber das normale
Alltagsleben ist langweiliger und gleichmäßiger geworden. Man regt sich jetzt
im Internet über irgendeinen Quatsch auf, wo sich früher vielleicht die
Nachbarn gegenseitig beschimpft oder miteinander diskutiert haben.
(lacht)
Das Leben auf der Straße ist unattraktiver geworden.
B K:
Sehnen
sich die Leute heutzutage nicht trotzdem genau nach diesem Gegensatz?
FXG:
Wir bekommen ja
auch noch viele Zuschriften von Zuschauern, die es sehr bedauern, dass wir das
nicht weitermachen. Nun hat es der BR halt gekündigt, aber ich bin auch nicht
beleidigt deswegen.
(überlegt)
Doch, erst war ich schon beleidigt, aber dann dachte ich mir „Eine super
Gelegenheit, jetzt kann ich endlich mein Buch schreiben!“.
(lacht)
Stell dir mal vor, der BR hätte das nicht gekündigt und ich hätte irgendwann
mal sagen müssen „Hm, der Kameramann hat einen Knieschaden und der Tonmann
hört jetzt schlecht, wir müssen aufhören.“
(lacht)
Das wäre peinlicher gewesen. Das hat der BR vorweggenommen und man muss ihm
fast schon dankbar sein. Und nach 42 Jahren ist das auch wirklich okay. Welche
Ehe hält schon so lang? Meine nicht.
(lacht)
B K:
Gab es für Sie ein Vorbild, oder jemanden den Sie bei dieser Art des
Filmemachens bewundert haben?
FXG:
Es gibt einen
Amerikaner namens Studs Terkel, da steht bei Wikipedia, er wäre mein Vorbild.
Der hat mal eine Sendung gemacht, die hieß „Across America“ oder „On the
Road“, wo er mit dem Wohnmobil herumgefahren ist und sich irgendwo umgeschaut
hat. War aber nicht mein Vorbild, weil ich das erst später mal gesehen habe.
(überlegt)
So ein direktes Vorbild habe ich nicht.
(überlegt
weiter)
Ich habe mal gelesen, dass Werner Herzog bei Interviews vorher auch keinen
Kontakt zu seinen Gesprächspartnern möchte. Das ist schon das Geheimnis und
auch ein Grund, warum ich oft das Angebot „Lassen sie uns erstmal einen Kaffee
trinken“ abgelehnt habe. Wenn man
schon beim Kaffeetrinken alles
bespricht, dann wird das anschließende Interview zum
„Showgespräch“. Es ist mir zuwider Fragen zu stellen, wo ich schon weiß der
Partner kennt sie und hat die Antwort schon abgespeichert. So etwas würde ich
nicht machen. Und Werner Herzog auch nicht.
(lacht)
B K:
Der BR hat Ihre Sendung nicht fortgesetzt, aber gleichzeitig gibt es ähnliche
Formate. Wenn ich da an „Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger“ oder „Der Schmidt
Max auf der Suche“ denke. Wie sehen Sie das? Das Bedürfnis nach zumindest
ähnlichen Formaten scheint es schon zu geben.
FXG:
Bei den
angesprochenen Formaten wird mehr mit Plan produziert und es wird mehr
abgesprochen, um lustige Dialoge zu kreieren. Der Schmidt Max spielt da ja
auch mehr. Das ist vielleicht leichter konsumierbar, aber wäre nie meine Art
gewesen. Ich finde beide Formate in Ordnung, auch wenn es mehr inszeniert ist.
B K:
Könnte man jetzt sagen, dass Ihre Sendereihe ein Vorbild für die anderen
Formate war?
FXG:
(überlegt)
Könnte man vielleicht, aber was haben wir denn gemacht? Wir
haben ja nicht den Dokumentarfilm neu erfunden. Eigentlich haben wir es nur
abgespeckt auf ein notwendiges Minimum. Kamera, Mikrofon und einen Typen, der
sich dafür interessiert, wie andere Leute ihr Leben gestalten. Und keine
Zaubereien. Das hat jetzt lange gut funktioniert. (lacht)
42 Jahre lang immer den gleichen Film gedreht und keine hat was
gemerkt.
(lacht)
B K:
Hätten Sie je daran gedacht, dass das so lange gehen könnte?
FXG:
Nein, überhaupt
nicht. Die Idee kam gar nicht auf. Wir dachten wir bekommen einen Auftrag für
vier Filme und das war’s. Dabei haben wir aber so getrödelt, dass wir bloß bis
zur Mitte der geplanten
Strecke vom Allgäu bis zur Ostsee gekommen sind.
Dann haben sie
uns gesagt „Dann dreht’s halt im nächsten Jahr noch mal fünf Folgen“. Der
damalige Redaktionsleiter hat auch gemeint: „Naja, jetzt probiert’s es halt
mal und fahrt los. Aber werdet’s schon sehen, nach dem zweiten Bauern und der
dritten Tankstelle wird die Sache fad.“ Wurde es aber nicht. Es ging ja nicht
ums WAS, sondern ums WIE und WARUM. Also was dahinter steckt. „Die Geschichte
hinter der Geschichte“, wie mein Cutter der Rolf immer sagt. Die Qualität
ist,
dass die Geschichten bei uns nicht im Vordergrund verenden, sondern
dass man
den Menschen dahinter spürt.
B K:
Da
wurde dann wahrscheinlich auch erst oft im Schnitt entdeckt, was für
Erzählungen man da gerade bekommen hat.
FXG:
Ja. Man ist
quasi wie so ein Sammler. Ein Gespräch ist vielleicht zwei bis drei Stunden
lang und man weiß noch nicht, wo genau das hinführt. Wenn man dann heimkommt,
denkt man das ist toll, merkt dann aber im Schnitt: „Was ist das für ein
Quatsch? Was sollen wir denn damit anfangen?“. Dann lässt man es vielleicht
zwei Tage liegen und denkt: „Irgendwas war da doch noch.“ Und dann holt man es
wieder raus.
(lacht)
Du musst in diesem Berg an Material die Geschichte suchen und finden.
Vielleicht ist uns das auch gar nicht immer gut gelungen, aber meistens
scheinbar schon. Beim Schnitt ist das immer eine emotionale Achterbahn und
schwere Arbeit. Wie beim schreiben eines Buchs.
(lacht)
B K:
Sie waren nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen Ländern unterwegs. Tun
wir Deutschen und manchmal schwer zufrieden und in der Folge davon auch
glücklich zu sein?
FXG:
(überlegt)
Joa. Einfach zu bemerken, dass man schon in einer glücklichen Situation ist.
Man meint immer da müsste mehr sein. Lauter attraktive Leute müssen rumtanzen,
tolles Wetter, schöne Musik und Geld sollte auf dem Tisch liegen. Wir sollten
aber lernen zu erkennen, dass wir schon in einer paradiesischen Situation
sind. Überleg dir mal, du wärst im Iran oder im Gazastreifen. Die träumen von
einem Leben wie wir es haben. Und wir überlegen uns immer was uns gerade nicht
passt.
B K:
Sind andere Länder da manchmal besser als wir?
FXG:
Ich glaube
schon. Ich habe mal einen Film über die Krise in Griechenland gemacht, die
haben diese schon mit Bravour gemeistert und nicht viel gejammert. Ich glaube
schon, dass wir eine Nation sind, die gerne nörgelt und das
Negative
sieht.
B K:
Wo
sind Sie denn am liebsten, wenn Sie nicht gerade in Deutschland sind?
FXG:
(überlegt)
Das kann ich gar nicht sagen. Ich fand früher Amerika immer ganz nett, wo wir
mit den Kindern mal im Straßenkreuzer rumgefahren sind. Jetzt im Moment möchte
ich da aber nicht hin.
(überlegt
weiter)
Thailand ist ein schöner Ort, um Urlaub zu machen, weil die einfach gute Laune
haben. Ich war auch mal in Vietnam, wo die Leute auch sehr nett sind, aber
einfach zurückhaltender.
(überlegt)
Ich habe jetzt einen Flug nach Bordeaux gebucht, um guten Wein zu trinken, da
war ich noch nie. Was ich tatsächlich gerne mag beim Verreisen, sind schöne
Landschaften und mit dem Auto herumfahren.
(lacht)
Oder am Meer sitzen und gut essen.
B K:
Ist dann ein Franz X. Gernstl tatsächlich am zufriedensten, wenn er unterwegs
ist?
FXG:
Ich bin genauso
gerne daheim auf dem Balkon, auf dem Sofa oder sogar am Schreibtisch.
(lacht)
Wenn ich mit Leuten zusammen
sein muss,
mit denen ich mich nicht gerne abgebe, finde ich das ungut. Bei langweiligen
Sitzungen oder so. Ich bin auch kein „Vereinsmeier“. Wenn ich
aber
mit Leuten, die ich mag, abends zusammensitzen kann und etwas kochen und einen
Wein trinken, dann wüsste ich nicht vieles, das besser ist.
B K:
Dann wäre eine Sendung mit dem Titel „Gernstl daheim“ ja gar nicht so
verkehrt.
FXG:
(lacht)
Das wurde schon mehrmals vorgeschlagen. Alle zwei Jahre haben wir ja immer
überlegt, was wir noch machen könnten. Aber es kamen dann doch immer schnell
andere
Ideen auf. Zum Beispiel „Fahrts a mal zum Matterhorn!“, das gab dann einen
Dreiteiler über die Reise
zum
Matterhorn, oder die erste Serie, die ich zusammen mit der damaligen
Kulturchefin Sabine Scharnagl
gemacht habe. Wir sind dafür mit
unserem
Diercke-Schulatlas
zu ihr und haben mit einem grünen Marker eine
schöne Reisestrecke
durch die Alpen
eingezeichnet. Das wurde
dann ein Zehnteiler Gernstl
in den Alpen.
(lacht)
Stell dir mal vor du würdest heutzutage damit bei einem Sender ankommen. Da
braucht man jetzt zehn Exposés und etliche Marktforschungen.
B K:
In
unserem ersten Interview haben Sie mal gesagt, dass sie aufhören, wenn einer
von Ihnen im Rollstuhl sitzen müsste.
FXG:
Nein, wenn der
ZWEITE im Rollstuhl sitzt. Den ersten hätten wir noch rumgeschoben.
(lacht)
Jetzt ist uns aber der BR zuvorgekommen.

Bild: BR
B K:
Es
war auch von einer „schlechtgehenden Strandbar“ die Rede.
FXG:
Auf Elba, das
weiß ich noch. Die kannte ich nämlich schon und die wurde von einem
untalentierten Ungarn betrieben.
(lacht)
Das hat man schon gemerkt, dass das nicht lange gut geht. Wir hatten auch
immer die Idee, wenn es schief geht, dann verschwinden wir nach Acapulco.
(lacht)
Das sind dann immer so Traumvorstellungen, aber ich möchte eigentlich nicht
weg. Mir gefällt es in München ganz gut. Wenn mir hier irgendeine kleine Bar
unterkommen würde, und ich würde jemanden finden, der die betreiben mag, wäre
ich sofort dabei. So ein externes Wohnzimmer, das wäre doch eine Idee. Ein
Brotzeitstüberl, wo es die feinsten Schinken und Käse aus der Alpenregion
gibt.
(lacht)
B K:
Welchen Namen hätte die dann?
FXG:
„Gernstls
Brotzeitstüberl“
(lacht)
B K:
Die Frage wäre dann, welche Art Brezn es gibt.
FXG:
(lacht)
Hier in München gibt es die besten Brezn beim
K.O. Back-Kollektiv in der Gundelindenstraße. Aber wahrscheinlich müsste man
die selber machen. Und ein gutes Brot ist wichtig. Ich backe sehr gern Brot.
B K:
Ich bin gespannt, was Sie diesmal als bayerische Lieblingsserie nennen.
FXG:
(überlegt)
„Münchner Geschichten“ und „Kir Royal“.
(überlegt)
Aber bei den Klassikern würde ich „Die Hausmeisterin“ und den „Monaco Franze“
auch dazuzählen.
B K:
Damals haben Sie „München 7“ gesagt.
FXG:
Stimmt. Das war
noch relativ neu damals. Zu meiner Anfangszeit war ich mit Franz X. Bogner und
Dorris Dörrie öfter in der Kantine gesessen.
B K:
Gab es nicht auch eine Verbindung von Ihnen mit Uli König?
FXG:
(überlegt)
Ja, ich erinnere mich an die kleine Kriminalgeschichte „Geheimtip für Tommy“,
bei ich ein bisschen mitmachen durfte und die Bücher gelesen habe. Danach ist
dann ein Abteilungsleiter auf mich aufmerksam geworden und hat mich gefragt
„Was willst denn eigentlich machen?“. So schliddert man dann so rein.
(lacht)
Vermutlich habe ich durch Glück so immer den richtigen Weg
gefunden. Bei mir war nie was geplant.
B K:
Vielen Dank für das Gespräch.
FXG:
Sehr gerne.
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Glück gehabt!: Über das Unterwegssein, das Filmemachen und das Leben an
sich - SPIEGEL-Bestseller
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Erschienen am 13. Mai im KÖSEL-Verlag |